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Wie rechnet man die FAMILIE reich?

Zum Thüringer Kindersozialbericht

Diese Anmerkung zu den Diagrammen der Armutsverteilung in dem Thüringer Kindersozialbericht ist auch ohne die Lektüre des Berichts verständlich. Dieser Bericht stützt sich auf die so genannte OECD-Skala zur Beschreibung der Armut. Diese Skala legt alle OECD-Länder zugrunde, zu denen Länder wie die Türkei, Mexiko u. a. gehören. In vielen dieser Länder sind die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Familien und Kinderlosen bei weitem nicht so groß wie bei uns, weil dort Leute ohne Kinder noch für ihr eigenes Alter vorsorgen müssen, was sie in unserem Sozialsystem den Eltern ihrer eigenen Generation überlassen können, deren Kinder ihnen später die Renten zahlen müssen. - Da in diesen Ländern Kinder noch eine Investition für das Alter der Eltern sind, die Kinderlose in Form von Kapital in ähnlichem Umfang ebenfalls leisten müssen, fallen die Kinderkosten bei Weitem nicht so ins Gewicht wie in Deutschland. Auch in den USA, die einen großen Einfluss in der OECD haben, ist das Alterssicherungssystem lange nicht so stark zugunsten des kinderlosen Bevölkerungsteils ausgebaut wie bei uns.

Wird nun eine gleiche statistische Messlatte an verschiedene Länder angelegt, deren Bedingungen völlig verschieden sind, kommen unbrauchbare Ergebnisse heraus.

So wurde in der klassischen deutschen Statistik der Bedarf eines Kindes in der Regel mit etwa dem 0,6-fachen Betrag eines Erwachsenen bemessen. Das dürfte der bestehenden deutschen Wirklichkeit nahe kommen. In der seit einigen Jahren auch in Deutschland verwendeten OECD-Skala wird das Kind aber nur noch mit einem Bedarf des 0,3-fachen eines Erwachsenen berücksichtigt. Der Wechsel dieser Maßstäbe ist der Grund dafür, dass die hohe Armutsquote der Familien, die noch im ersten und zweiten Armutsbericht beschrieben wurde, im Dritten Armutsbericht weitgehend "verschwunden" ist. Die Familienarmut besteht weiterhin, hat sich sogar verstärkt. Aber sie taucht in der offiziellen Statistik kaum mehr auf. Das gilt nun auch für den Thüringer Kindersozialbericht.

Wenn jemand dazu an näheren Infos interessiert ist, kann ich gern noch etwas nachreichen.

Freundliche Grüße

Johannes Resch