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Beiträge aus den Medien Kommentiert » Nationalökonomen unter Anklage

Lassen sich unsere Wirtschaftswissenschaftler vom Geld korrumpieren?

Warum warten die Eliten der deutschen Nationalökonomie mit Halbwahrheiten auf?

Es kommt häufig vor, dass renommierte Nationalökonomen ihren guten Namen und das Ansehen ihres Amtes beschädigen, nur um das gewünschte Ergebnis ihrer Auftraggeber, meistens der Wirtschaftslobby oder dem Staat, zu bestätigen. Dabei kann man diesen Wissenschaftlern keinen direkten Fehler nachweisen, da sie von Rahmenbedingungen ausgehen, die zwar unsere Gesellschaft widerspiegeln, aber in denen ein paar kleine jedoch relevante Details ausgelassen bzw. vereinfacht wurden. Diese Vereinfachungen werden auch benannt und sind legitim, da Volkswirtschaft ein so komplexes Fach ist, dass man ohne vereinfachende Modelle in einer vernünftigen Zeit zu keinem Ergebnis gelangen kann. Die Gefälligkeit gegenüber dem Auftraggeber erweist sich somit in der Art und Weise wie die Vereinfachungen vorgenommen werden.
Interessant ist, dass in Fachkreisen anscheinend ein Konsens darüber Existiert, dass solche Gefälligkeiten gegenüber von Auftraggebern keinen Einfluss auf die Bewertung der sonstigen wissenschaftlichen Arbeit der Wissenschaftler haben.
Der eigentliche Schwindel wird erst dadurch produziert, dass den Medien diese Ergebnisse als die ultimativen neuen Erkenntnisse präsentiert werden, die exakt unsere Gesellschaft abbilden. Die Medien verbreiten willig die neuesten Erkenntnisse und das öffentliche Bewusstsein unterliegt wieder einem Trugbild.
So lässt sich Polemik verbreiten und in den Köpfen der Menschen einnisten.

Wie das in einem konkreten Fall passiert ist, zeigt folgender, leider nicht veröffentlichter, Leserbrief anschaulich.

„Neues Bewusstsein“, WiWo Nr. 36 vom 16.09.2010

Sehr geehrter Herr Prof. Zimmermann,

angesichts von Fachkräftemangel, Rentenschwund, demografischem „Wandel“ – oder nicht doch eher demografische Katastrophe? - mahnen Sie eine Reihe wirksamer Reformen wie späterer Renteneintritt, bessere Bildung und Ausbildung, vor allem mehr Berufstätigkeit von Frauen, fördernd dazu mehr Krippenangebote, Arbeitsmarktreformen usw. an.
Weitgehend richtig. Dennoch leider eine zu kurz greifende Argumentation, kaum über das hinausgehend, was Politiker auch gern darbieten zwecks Verschleierns eigener Versäumnisse in der Vergangenheit.

Aus der Geburtenstatistik seit 1946 lässt sich abzählen, dass die Zahl der 20- bis 60-jährigen ab 2010 bis 2030 von 40 auf 31 Mio. sinken, die Zahl der über 60-jährigen von 20 auf 23 Mio. steigen wird, wobei die steigende Lebenserwartung die größere Zahl der Sterbefälle im Rentenalter etwa aufwiegen dürfte.
In der auf Deutschland beschränkten Geburtenstatistik nicht gezählte Zuwanderer und deren mitgebrachte Kinder sollen das Verhältnis Junge zu Alte nach einigen Studien sogar noch deutlich verschlechtern.
Alles was Sie an Reformen vorschlagen kann damit nur einen zeitlichen Aufschub der Belastungsrelation jung/alt bewirken. Aufschub um ein oder zwei Jahrzehnte vielleicht. Dass das nicht reicht, ist auch dem Laien klar – und er sieht die Täuschungsabsicht.

Doch mehr noch. Wir Volkswirte wissen doch, wie sehr gerade wirtschaftliche Entwicklung von persönlichen Bewertungen und daraus resultierenden Entscheidungen der Individuen abhängt.
Zwei Zitate mögen fatale Konsequenzen andeuten. Kommentar einer Mutter, Mitte 50, über die Zahlen in ihrer Renteninformation:
„Drei Kinder durchs Studium gebracht und dafür 281 € Rente, zusammen mit der meines Mannes zweimal Grundsicherung im Alter!“
Muss man die Verbitterung der Frau noch beschreiben? Aber dazu die jüngste Tochter,
Sie habe ihr Studium gerade abgeschlossen und ihr in den USA beruflich längst etablierter Bruder ermögliche ihr ein Doktorandenstudium in den USA, wo auch ihre Schwester bereits ein solches absolviere.
Ein weiteres Zitat. Eine 20jährige Abiturientin, angehende Industriekauffrau im Politikunterricht erregt:
„Ich habe vier ältere Geschwister, alle gut ausgebildet und erfolgreich in ihrem Beruf. Meine Eltern haben sich richtig krumm gelegt für uns, mein Vater war nur einfacher Arbeiter. Und hat meine Mutter etwa nicht gearbeitet? Und wir werden mal jeden Monat mehr in die Rentenkasse einzahlen, als meine Mutter im ganzen Jahr an Rente bekommen wird!“
Solche Mütter erhalten im Schnitt kaum ein Drittel der Rente kinderloser Frauen. Ein gewisser Trost für sie ist, wenn ihre Kinder sich der Überforderung durch diesen Sozialstaat entziehen, der zu Gunsten derjenigen die lebenslang auf eigene Kinder verzichten, ausgerichtet ist. Dann bleibt ihnen mehr zur Unterstützung der eigenen Eltern.

Kann man annehmen, dass diese Jugend, der klar ist, dass ein Sozialsystem wie das unsere 20-jährigen für mindestens 60, eher 80 Jahre haltbar, vertrauenswürdig erscheinen muss, dass diese Jugend Chancen in Nachbarländern mit weit geringeren demografischen Zukunftslasten ausschlagen wird? Und das mit voller Rechtfertigung, wenn eben dieser Jugend bewusst wird, dass der Sozialstaat ausgerechnet die eigenen Eltern jahrzehntelang betrogen hat?
Selbst Politiker werden das wohl im Stillen bei sich so sehen. Im Stillen!
War Auswandern je leichter als heute? Kann die Jugend eine stärkere Rechtfertigung für Verweigerung finden?

Ein Beispiel gefällig, wie Auswanderung oft zustande kommt? Im letzten Ausbildungsgang seines Studiums warben Personalleute großer Unternehmen um die jungen Ingenieure. Interessantes Praktikum, „Sie können sich beweisen!“ Aussicht auf feste spätere Anstellung, so die Vertreter von DAX-Konzernen.
Die Ausländer: „Sie bekommen sofort einen Kontrakt. Sie sind dann etwa 2 Jahre ein teurer Assistent für uns. Wir hoffen, dass Sie uns hernach die Treue halten!“
Mein Sohn: „Ja soll ich denn da nicht zusagen, Papa?“
An die Adresse der Wirtschaft, Herr Prof. Zimmermann: Er startete vor vier Jahren mit einem Gehalt, das netto in Kaufkraft umgerechnet höher ist als hier ein volles Bruttogehalt für startende Ingenieure.

2006 haben rd. 152.000 junge und jüngere Fachkräfte Deutschland verlassen, 2007 bereits 164.000 und 2008 soll die Zahl auf rd. 180.000 gestiegen sein. Auf 26 % sprang 2006 die Demografie als genanntes Hauptmotiv für ihr Gehen.
Über diesen Exodus ausgleichende Einwanderung scheint sich die Bundesregierung in ihrem Migrationsbericht verschämt auszuschweigen. 20.000, 30.000 liest man in manchen Kommentaren. Sie, Herr Prof. Zimmermann, werden es genauer wissen.
Ganz anders die Schweiz in ihrem Migrationsbericht: 2008 kamen 19.400 junge Deutsche zu uns, davon hatten 54 % einen Hochschulabschluss.
Immerhin, ein „Geschenk“ Deutschlands nur an die Schweiz, das unter Einrechnung auch elterlicher Leistungen wohl an die 10 Mrd. € wert sein dürfte. In nur einem Jahr!
Unsere Nachbarn haben auch Geburtenmangel. Von Frankreich über BeNeLux bis Skandinavien gibt es Geburtenraten zwischen 1.8 und 2 Kinder, bei uns 1,35! Klar, die nehmen gern gut Ausgebildete auf. Und die Schwachen bleiben.

Ich darf sicher annehmen, Herr Prof. Zimmermann, dass Sie bei sich Ihr kurzes Statement für unzureichend halten. Doch darf ein hoch ausgebildeter, über alle Informationen verfügender VWL-Wissenschaftler sich angesichts der verdammt problematischen Gesamtsituation so beschränken? Und das auch noch in einer guten Wirtschaftszeitung?
Thilo Sarrazin lag mit seinem „Deutschland schafft sich ab“ eigentlich doch neben der Realität. Mangelhafte Integration der Zuwanderer führt nur zu einer schlechteren Struktur der Ausgebildeten, das Abschaffen jedoch besorgt Deutschland durch seine Bevölkerungspolitik selbst.
Warum stärken Sie eine Politik, die meint, den Menschen politisch Sand in die Augen streuen zu müssen? Junge, gut Ausgebildete werden Alternativen suchen und finden. Und alle anderen …?


Auf eine den ökonomisch ungeschulten Leser täuschende Aussage erlaube ich mir hin zu weisen.
Es ist richtig und auch gut, durch Krippen, Ganztagsschulen, … die beruflichen Chancen von Frauen zu verbessern.
Daraus aber ohne tiefere Erklärung so pauschal ein Wachstum des BSP abzuleiten, ist fragwürdig. Die Erhöhung des BSP´es durch Gehälter angestellter Erzieherinnen, mehr Lehrern muss durch Abzüge (Steuern, Sozialbeiträge) oder durch direkte Gebühren von den Einkommen Berufstätiger finanziert werden. Das BSP steigt dadurch eben nur brutto aber nicht netto.
Würde man einfach nur die Erziehungs- und Versorgungsarbeit von Eltern bewerten und hinzu addieren, gerechterweise auch bezahlen wie eine Arbeitsleistung, dann käme man auch zu einem höheren BSP. Und man würde Eltern nicht betrügen!
Hinreichend gute Krippenplätze z. B. sind mit den Sozialabgaben und Steuern der dann für Berufstätigkeit freien Mütter kaum zu finanzieren. Auch hier wird getäuscht.
Bei der Krippendiskussion sollte man zudem auch die Ergebnisse der amerikanischen NICHD-Studie nicht unberücksichtigt lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Oldenburg

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